Es gibt keinen gerechten Krieg

pon, 24 lut 2003, 09:49:28

Autor: Anne Schaarschmidt

"Es gibt keinen gerechten Krieg". Kirche und der Irakkrieg in Deutschland - Ein persönlicher Bericht von der Demonstration am 15. Februar 2003

Die deutsche Öffentlichkeit spricht sich mehrheitlich gegen einen Krieg im Irak aus - seit den vergangenen Wahlen hat sich die Bundesregierung diese Position offiziell zueigen gemacht und innen- und außenpolitisch viel Kritik geerntet. Am 15. Februar 2003 fand der europaweite Aktionstag gegen den Krieg im Irak statt und in Berlin die größte Antikriegsdemonstration in der deutschen Geschichte unter dem Motto: "No War on Iraq". Mit 200 000 Menschen hatten die Veranstalter gerechnet, über 500 000 kamen. Ich war dabei.

Wir gehen auf das imposante Bauwerk des Berliner Doms zu, vorbei an vereinzelten Grüppchen von Demonstranten, die sich sammeln, letzte Handgriffe an ihre Plakate anlegen, ihre Mikrofone einstellen und versuchen, sich gegen Wind und Schneeregen zu behaupten. Am Dom werden wir von Posaunenmusik empfangen. Wir sind eine halbe Stunde zu früh und die Kirche ist noch fast leer, aber wenigstens ist es hier warm. Nach und nach füllen sich die Reihen, so dass wir die für unsere Freunde freigehaltenen Plätze räumen müssen - es wird eng. Seit gestern warte ich gespannt, was die Demonstration wohl bringen wird. Im Berliner Radio ist es das Thema Nummer 1. Wie viele Leute werden tatsächlich kommen? Viele, glaube ich, da sich schon allein aus meinem Bekanntenkreis mehrere Freunde auch aus anderen Städten angesagt haben. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute, anders noch als vor einem Monat, die Notwendigkeit sehen, ein Zeichen zu setzen, war doch der Startschuss für einen Krieg noch gestern nach dem Bericht der UN-Waffeninspekteure vor dem UN-Sicherheitsrat so erschreckend nah. Die meisten Demonstranten werden sich auf dem Alexanderplatz oder an der Gedächtniskirche, den beiden offiziellen Anfangspunkten der Protestmärsche treffen. Ich bin jedoch froh, dass ich von der ökumenischen Friedensandacht im Berliner Dom erfahren habe. Danach werden auch wir und die anderen Christen uns dem Demonstrationszug anschließen. Für mich ist eben die Entscheidung über Krieg und Frieden eine Frage, die nicht allein in der Macht der Menschen steht, eine Frage, zu deren Entscheidung wir Gottes Beistand und Segen brauchen. Dies unterscheidet die Besucher des Doms wahrscheinlich von den meisten anderen Teilnehmern der Demonstration. Gerade darum müssen wir beten, gerade darum ist die auch die öffentliche Beteilung von uns Christen an dieser politischen Diskussion so wichtig.

Die Kirchen in Deutschland hatten ihre Meinung zu dieser Frage schon relativ früh klar artikuliert: Nein zu einem Krieg im Irak. Darin waren sich sowohl die evangelische wie auch katholische Kirchenleitung einig. Die Katholiken wurden darin noch durch die eindeutige Botschaft des Papstes bestärkt.

Deutlicher als der Landesbischof Huber von Berlin / Brandenburg im Berliner Dom, kann man es kaum sagen: "Es gibt keinen gerechten Krieg, nur einen gerechten Frieden!" Auch wenn man sich fragen könne, ob es richtig sei, nichts zu tun und einen Diktator sein Volk weiterhin tyrannisieren zu lassen. Krieg sei immer mit Leid der Zivilbevölkerung verbunden. Um dies zu vergegenwärtigen, muss man in Deutschland nur daran erinnern, wie genau vor 58 Jahren die Häuser in Dresden brannten. Einen Krieg zu beginnen, um Saddam Hussein zu stürzen - so Huber - sei so verantwortungslos wie ein ganzes Passagierflugzeug abzuschießen, weil der Pilot ein Verbrecher ist. Deswegen ein Nein zum Krieg. Wie jedoch tragen wir unser Nein vor? "Welcher Geist wird die folgende Demonstration beherrschen?" Diese Frage stellte Huber mehrmals. "Ist es der Geist des Friedens oder ein Geist des Antiamerikanismus?" Wir sollen deutlich machen, dass sich unsere Ablehnung nicht gegen das amerikanische Volk richtet, sondern gegen die amerikanische Politik. Amerikanische Freunde bestärkten die Friedensdemonstrationen in Europa erhoffen sich davon Impulse für ihr eigenes Land. Als Christen sollten wir vor allem aber Gottes Frieden (wenn es auch eher ein evangelischer als ein ökumenischer war) in die Demonstration hinaus tragen.

Hinaus - das war zunächst erst einmal auf den Domplatz, wo sich nach der Andacht Menschen verschiedener Glaubensrichtungen unter dem Motto "Glaubende gegen dem Krieg" versammeln sollten. Muslime, Juden, Buddhisten, evangelische und katholische Vertreter sprachen sich hier gegen den Krieg aus. Dann mischten wir uns alle unter die Demonstranten.
Welcher Geist beherrschte nun die Demonstration? Vor allen Dingen ein gigantischer und pluralistischer. Obwohl, der große Berliner Dom gut gefüllt war, nahm sich die Masse im Verhältnis zu den anderen Demonstrierenden gering aus: Schon während wir noch vor dem Dom standen und den Ansprachen lauschten, zogen Tausende Demonstrierende auf der Demotrasse vorbei. Beeindruckende Massen - mehr als eine halbe Million, wie ich später erfuhr. Gewerkschaftler, Grüne, Kommunisten, Deutsche, Türken, Kurden, Globalisierungsgegner... Sie kamen aus vielen Städten Deutschlands. Alle einte ein Gedanke: Kein Krieg. Und trotzdem transportierte jeder seine eigene Botschaft: neben kreativen Transparenten sah man Parteilogos, -Fahnen und Slogans: Die Botschaft der Kirchen war dabei eine unter vielen und verschwindend leise.

Dies war eine neue Erfahrung für mich. In den Erzählungen meiner Eltern über die Friedensbewegung in den 70er/80er Jahren in der DDR spielte der einende, stark von der Kirche beeinflusste Geist eine bedeutende Rolle: der Bibelvers "Schwerter zu Pflugscharen" (Micha 4,3) wurde zum Symbol einer ganzen Bewegung, getragen v.a. von kirchlichen Friedensgruppen und Studentengemeinden. Auch zu den Demonstrationen 1991 zur Zeit des ersten Golfkrieges spürte ich diesen gemeinsamen Geist, als wir in Dresden mit Kerzen zur Ruine der Frauenkirche gingen und unsere Lichter zwischen den Steinen der Ruine niederbrennen sahen und "Dona nobis pacem" sangen.

Der 15. Februar 2003 in Berlin hat eine ganz andere Dimension und ist ein Spiegel der heutigen pluralistischen Gesellschaft. Bemerkenswert, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Interessen bei den existentiellen Fragen zusammenfinden, wenn auch auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Außerdem hat der 15. Februar eine globale Dimension. Nicht nur in Berlin gingen Hunderttausende auf die Straße, sondern weltweit von Madrid bis Melbourne. In Rom und London waren sogar 2-3 Millionen auf den Beinen. Eine Massenbewegung gegen den Krieg an verschiedenen Orten - eine Hoffnung auf Frieden? Hoffentlich.

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